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Ostersonntag

Dr. Susanne Barth //Osterspaziergang

Schluchzend steht er vor dem Schild am Friedhofstor. In feuchten Bahnen kullern die Tränen über seine Wangen und platschen auf die Jacke. In den Händen hält er eine bunte Bastelei aus Tonkarton.

Ich krame in meinem Mantel und reiche ihm stumm ein Taschentuch. „Meine Mama liegt hier und ich wollte ihr doch das Osterkörbchen bringen. Sie soll heute auch Ostern feiern. Aber da oben steht, dass das verboten ist.“ Ich schaue nach oben auf das Schild: KINDER DÜRFEN DEN FRIEDHOF NUR IN BEGLEITUNG ERWACHSENER BETRETEN!

Ich nehme ihn an die Hand und begleite ihn zum Grab. Für heute kann ich sein Problem lösen. Hand in Hand stehen wir vor dem Grabstein. Ein rauher, unbearbeiteter Findling. Ein paar Minuten stehen wir still nebeneinander. Dann breche ich das Schweigen: „Was glaubst du? Wo ist deine Mama jetzt?“ „Mmh, sie liegt ja hier. Aber ich glaub, sie lebt auch irgendwie. Nur halt anders. So als wäre sie ganz dicht bei mir. Aber ich kann sie nicht mehr sehen.“

„Weißt du was? Ich glaub, du bist gar nicht allein. Ich finde, dann darfst du auch auf den Friedhof. Denn deine Mama begleitet dich ja!“ Überrascht blickt er zu mir hoch. Seine Mundwinkel zucken und wandern in die Höhe. Er wischt die letzte Träne von der Wange und strahlt mich an. Dann stellt er das Körbchen auf das Grab. Mitten zwischen die leuchtenden Osterglocken.

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