Seite auswählen

Aschermittwoch

Carina Böttcher // Herz aus Asche

Wir sitzen zu viert in der Tram – drei Freundinnen und ich. Eine Frau guckt uns skeptisch an, schüttelt den Kopf und wendet sich schnell ab. Wir haben alle ein Kreuz auf der Stirn.

Es ist Aschermittwoch. Wir sind auf der Rückfahrt vom Gottesdienst. Da konnte jeder nach vorne in den Altarraum gehen und sich vom Pastor ein Kreuz auf die Stirn malen lassen. Aus einem Gemisch aus Asche und Wasser. Bei Antonia, die mir gegenübersitzt, sieht es eher so aus, als hätte sie sich zum Fasching als Schornsteinfeger verkleidet und die Schminke nicht ganz abgekriegt. Es fühlt sich schon ein bisschen seltsam an, mitten in Halle, in dieser „atheistischen“ Stadt, so „gezeichnet“ herumzulaufen. Dabei weiß ich: Das Kreuz ist für die meisten anderen kaum zu sehen. Aber es ist da.

Ich fasse mir an die Stirn und komme ins Nachdenken. Das war schon irgendwie ergreifend, da in den Altarraum zu kommen, zu dem großen Wand-Kreuz hinaufzusehen und dann ganz persönlich mit dem Kreuz gezeichnet zu werden. Ich finde es schön, dass die evangelische Kirche diesen alten Brauch neu für sich entdeckt hat. Asche auf meiner Stirn. „Asche auf mein Haupt“, das sagen Menschen, wenn sie ihre Schuld eingestehen und bereuen. Am Aschermittwoch geht es um Umkehr. Aber Umkehr wohin eigentlich? Asche, das ist doch auch das, woraus der Phönix zu neuem Leben erwacht. Das gefällt mir. Umkehr als Neuanfang: Umkehr in ein Leben voller zweiter Chancen!

„Halt mal still“, sage ich zu Antonia. Und male mit dem Finger aus ihrem dreckigen Asche-Kreuz ein Herz. Sie grinst mich an. Und ich spüre ihren kalten Zeigefinger an meiner Stirn. Keine Ahnung, ob man von außen jetzt überhaupt noch irgendwas erkennen kann. Ich jedenfalls sehe vier ziemlich fröhliche junge Frauen, die mit einem Asche-Herz auf der Stirn in der Tram sitzen.

passion-e als Abo

Zwei Andachten pro Woche

Mit dem Newsletter zu passion-e erhalten Sie die aktuelle Andacht aus Loccum direkt in Ihr E-Mail-Postfach

Pin It on Pinterest