Reminsicere

Silke Fahl

Die Luft ist kalt und feucht. Der Himmel bedeckt von einer undurchdringlichen grauen Wolkendecke. Kein Sonnenstrahl findet seinen Weg durch sie hindurch, als ich an diesem Sonntagmorgen im Februar ins KZ gehe. Genauer gesagt in ein Außenlager des KZs Neuengamme .

Zügigen Schritts gehe ich auf mein Ziel zu. Nicht, weil ich mich freue oder die Ankunft kaum erwarten kann, sondern weil mir kalt ist. Aber auch, weil ich die Vergangenheit nicht vergessen will. Ich erblicke das große vierstöckige Backsteingebäude. Obwohl es längst ein Museum ist, erkenne ich gleich: ursprünglich war es eine Schule.

Mit jedem Meter werden meine Schritte langsamer und schwerer. Was genau wird mich hier erwarten? Kaum, dass die Tür hinter mir ins Schloss fällt, begrüßt mich eine Frau mit einem herzlichen Lächeln: „Schön, dass Sie hier sind.“ Was für ein Gegensatz. So viel Freundlichkeit an einem Ort des Grauens. Wie ist das möglich? Mir wird ganz anders, als ich durch die Ausstellung gehe und mir die Geschichten der 20 Kinder durchlese. Wie konnte Gott so etwas zu lassen? Warum hat er diese Kinder nicht davor bewahrt, dass an ihnen unmenschliche Tuberkulose-Versuche durchgeführt und sie dann ermordet wurden? Mich beschleicht das Gefühl: Gott ist noch nie hier gewesen und würde auch nie hier sein an diesem furchtbaren Ort. Oder?

Ich blicke auf die Dokumente, die von der Suche nach Angehörigen der Kinder berichten, von der juristischen Aufarbeitung des Verbrechens und dem Projekt des Rosengartens. Wie gerne würde ich eine Rose für diese Kinder pflanzen. Doch dafür ist leider die falsche Jahreszeit.

Auf einmal kommt mir ein Gedanke: Ist Gott vielleicht heute hier? In der Frau, die sich über jeden freut, der hierherkommt? Der nicht will, dass dieses Unrecht in Vergessenheit gerät? In allen Menschen, die dafür sorgen, dass es diese Gedenkstätte gibt und auch in Zukunft weiter geben wird? Und vielleicht auch in mir, die ich heute hier bin?

Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

Psalm 25,6

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