Mittwoch nach Okuli

Anna Kiefner

Ich fahre zum ersten Mal mit meinem Fahrrad, ohne dass es umfällt. Voller Freude drehe ich mich zu meinen Eltern um. Dabei passiert – zum Glück nichts. Alle, die vor mir und meinem Rad standen, haben sich vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Als Kind lag mir die Welt zu Füßen. Jeden Tag entdeckte ich neue Dinge z.B. traf ich im Zoo Gott. Ich stand auf einem Turm und schaute in die großen liebevollen Augen einer Giraffe. Wie sollte Gott auch sonst aussehen? Den Kopf hoch oben im Himmel, dabei alles im Blick. Die vier Beine ganz zart, aber fest auf dem Boden stehend. Dazu ein großes Herz. Ich war mir sicher: „Gott liebt alle Kinder“, und da es ganz viele Kinder auf der Welt gibt, brauchte Gott natürlich ein großes Herz. Gott musste einfach eine Giraffe sein.
Wenn ich so in Kindheitserinnerungen schwelge, wird mir bewusst, wie lange das alles schon her ist.

Mittlerweile bin ich erwachsen, schaue zielorientiert geradeaus und schreite mutig voran. Kein Blick zurück, immer vorwärts. Viel zu groß die Gefahr, vom Weg abzukommen. Ich gehe den sicheren Weg. Kreise dabei nur um mich selbst. Versuche Ziele zu erreichen, die ich nicht erreichen kann.

In solchen Momenten will ich wieder mit Kinderaugen sehen. Will geradeaus fahren und manchmal auch nach hinten schauen, ganz im Vertrauen darauf, dass nichts schiefgeht. Will wieder in Giraffen Gott sehen und mich von Gottes großem Herzen geliebt wissen. Will planlos herumstehen und seine Welt bewundern. Denn genau dann ist mein Kopf in den Wolken und meine Füße auf dem Boden. Und mein Herz? – Das wird giraffenweit.

Vikarin Anna Kiefner

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9,62

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