Judika

Johanna Pannen

Müde sehen seine Augen aus. Seine grauen Haare haben schon lange keinen Kamm mehr gesehen. Die alte Jeans ist dreckig, vielleicht war sie mal blau. Sie ist ihm viel zu weit, und der zerfetzte Ledergürtel hält sie kaum noch auf seinen Hüfien. Sein Gesicht ist faltig. Die Schwielen an den Händen zeugen von der harten Arbeit, die er Zeit seines Lebens gemacht hat. Langsam und gebeugt schiebt er einen Fuß vor den anderen. Dem Einkaufswagen fehlt ein Rad. Er benutzt ihn trotzdem, um seine Tagesbeute bis zum nächsten Supermarkt zu bringen. Schwerfállig schiebt er die 23 PET-Flaschen, 13 Bierdosen und 18 Glasflaschen. 11,20 Euro hat er heute gesammelt. Seine Rente reicht nicht aus.

Von den 46 Jahren Arbeit wird er im Alter nicht satt. Es ist ungerecht, wenn Rentner von ihrer Rente nicht leben können. Es ist ungerecht, wenn Kinder abends nichts zu essen bekommen, weil das Geld fehlt. Es ist ungerecht, wenn wir von der Altenpflegerin erwarten, dass sie fiir einen Mindestlohn arbeitet. Es ist ungerecht – manchmal möchte ich schreien.

Ich möchte schreien, weil ich diese Welt so ungerecht finde. Weil ich die Menschen so ungerecht finde. Weil ich so ungerecht bin. Ich beurteile Menschen falsch. Vorschnell habe ich mir eine Meinung gebildet, sie in eine Schublade gesteckt. Ich bewerte und denke, alles besser zu wissen. Ich verletze einen Anderen mit Worten. Ich drücke seine Meinung nieder und dabei drücke ich ihn nieder. Ich möchte schreien, dass alle es hören. Ich möchte schreien, damit ich es höre. Ich möchte schreien, damit Gott es hört: Schaffe Recht, Gott. Sei anders als diese Welt.

Vikarin Johanna Pannen

Schaffe mir Recht, Gott, / und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Psalm 43,1

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