Mittwoch nach Judika

Niklas Reinhard Schilling

Eine kleine Geschichte von der Sünde

von Niklas Reinhard Schilling

Das Zimmer ist schwarz.
Ein Mann sitzt aufrecht in einem Bett.
Seine Schläfen pochen.
Er weiß nicht, wo er ist.
Die Hand, die er vor seine Augen hält – kaum zu sehen.
Er tastet nach seiner Brille.
Sie ist weg.
Sein Herz schlägt schneller.
Das hört er deutlich.
Es drückt gegen seine Brust.
Schweiß läuft ihm in den Nacken.
Der Atem stockt.
Dieser Geruch. Alter Schweiß.
Der Mann traut sich nicht aus dem Bett.
Er ist gefangen in seinen Gedanken.
Er kreist nur um eine Frage: Ich, Ich – Wo bin ich?
Nichts anderes bohrt in ihm.
Kommen die dunklen Wände näher?
Wird das Zimmer kleiner?
Er schließt kurz die Augen.
Es hilft nicht gegen die Dunkelheit.
Er schließt die Augen ein zweites Mal.
Als er sie zögernd öffnet, beginnt er zu starren. Ungläubig.
Ein kleiner Lichtstrahl – weißblau – schneidet die Dunkelheit.
Da ist doch die Tür, denkt der Mann.
Eine laute Stimme aus dem Licht reißt ihn heraus:
„Das Lösegeld ist übergeben. Du bist frei“.
Mit Blei in den Füßen verlässt der Mann das Bett.
Mit einem Ruck öffnet er die Tür.
Das weißblaue Licht des Fernsehers brennt in seinen Augen.
Er schaltet ihn aus.
Merkwürdig leichtfüßig geht er in die Küche.

Vikar Niklas Reinhard Schilling

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Matthäus 20,28

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