Gründonnerstag

Martin Wagner

Als ich einmal Gott traf, erhitzen Sonnenstrahlen die Dächer der kleinen Wellblechhütten. Schwarze Müllbeutel stapeln sich an den Straßenrändern. Einige davon sind aufgeplatzt. Ein unangenehmer Geruch von verfaulten Eiern und Essensresten steigt mir in die Nase. Abgemagerte Katzen huschen über die Straßen. Auf der Suche nach etwas Essbarem. Ich fühle mich angeekelt und unsicher zugleich. Trotzdem gehe ich weiter. Hier irgendwo muss es doch sein.

Ich klopfe an einer der Wellblechtüren. Eine alte Frau mit einem grünen Halstuch öffnet mir. Sie lächelt mich freundlich an und bittet mich herein. Die Hütte besteht aus einem einzigen Raum. Wohnzimmer, Küche und Schlafraum in einem. Nur wenig Licht scheint durch die kleinen Fenster.

Sie deutet auf einen Klappstuhl, und ich setze mich. Sie bietet mir Kaffee an. Ich nicke. Langsam, aber würdevoll schlürft sie in ihren brasilianischen Havaianas zur Kochstelle. Ihre faltige Hand bereitet liebevoll den Kaffee zu. Mit der anderen stützt sie sich am Herd ab. Auf ihren wackeligen Beinen wirkt sie gebrechlich. Ja fast schon zerbrechlich. Und doch spüre ich eine Lebenskraft, die von ihr ausgeht. Immer wieder blickt sie kurz zu mir hinüber. Als wolle sie sich versichern, dass es mir gut geht. Kurz darauf stellt sie zwei Kaffeetassen und einen Teller mit Tortillas auf den Tisch. Sie setzt sich zu mir. Mit einem Lächeln gibt sie mir zu verstehen, dass ich zugreifen soll. Ich bin beschämt und berührt zugleich.

Diese Frau gibt mir von dem Wenigen, das sie hat. Sie lebt in absoluter Armut. Sie hat nichts. Außer ihre Größe, ihre Barmherzigkeit. Nach einer Weile blickt sie mich mit ihren gütigen Augen an. „Wie geht es dir, mein Junge?“

Vikar Martin Wagner

Ein Gedenken hat Gott den eigenen wunderbaren Taten gestiftet. Gnädig und barmherzig ist Gott.

Psalm 111,4

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